Teil I

Der Tod des Lao She: Mord oder Selbstmord?     老舍之死 - 自杀还是谋杀?

Teil I:

Lao Shes Zustand am 24. August

und andere Ungereimtheiten

1. Der Tod des Lao She

Am 23. August 1966 wurde der große chinesische Schriftsteller Lao She von Roten Garden schwer misshandelt. Am 24. August starb er unter ungeklärten Umständen. Am späten Abend des 25. August lag seine Leiche am Ufer des Pekinger Taiping-Sees. Von dort brachte sie Lao Shes Ehefrau Hu Jieqing, die man dorthin bestellt hatte, zum Krematorium des Ehrenfriedhofes Babaoshan.

Aufgrund des Fundortes der Leiche wird überwiegend von einem Selbstmord ausgegangen. Der Autor und langjährige Präsident des Kulturbundes sei, so heißt es, am Vormittag des 24. August zum Taiping-See gekommen und habe sich nachts in den See gestürzt. Dort sei er am Morgen des 25. August gefunden worden.

Ein Selbstmord wäre verständlich gewesen. Die Schrecken der Kulturrevolution, die schlimmen Demütigungen und Misshandlungen, die Lao She am 23. August über sich ergehen lassen musste, lassen einen Suizid auf den ersten Blick naheliegend scheinen. Allerdings gehen sämtliche Einzelheiten, die das zu bestätigen scheinen, auf eine einzige Quelle zurück – nämlich den Bericht von Lao Shes Sohn Shu Yi, den dieser 1985 geschrieben und 1987 in seinem Buch »Der Tod des Lao She« veröffentlicht hat.

Dieser Bericht wirft jedoch mehr Fragen auf, als er beantwortet. Zudem enthält er eine Reihe unvereinbarer Widersprüche gegenüber einer anderen Quelle: dem Bericht von Shu Yis Mutter Hu Jieqing, Lao Shes Witwe, den diese 1979 schrieb.

Die hier vorgelegte Untersuchung wird im folgenden den Nachweis führen, dass Shu Yis Darstellung vom Auffinden des Vaters nach dessen angeblichem Selbstmord so nicht stattgefunden haben kann. Wenn aber der Bericht mit der Selbstmordversion ein offenkundiges Lügenmärchen ist – dann zwingt dies zu der Schlussfolgerung, dass Lao She in Wahrheit ermordet wurde.

 

2. Führen Selbstmorde im Werk zum Selbstmord im Leben?

Lao Shes Sohn Shu Yi, aber auch einige namhafte Forscher weisen darauf hin, dass es in Lao Shes Werk an verschiedenen Stellen Selbstmorde oder Nachdenken darüber gibt. Das nehmen sie als Argument dafür, dass Lao She sich nach der Demütigung und Misshandlung durch die Roten Garden für Suizid entschied – ja, sie halten diese Reaktion sogar für zwangsläufig.

Wenn das zuträfe, müssten auch Autoren von Kriminalromanen, in deren Büchern reihenweise gemordet wird, öfter zum Mörder werden als andere Menschen. Aber diese Annahme ist absurd. Nichts fällt leichter als Mord oder Selbstmord im Roman. Die Kunst des Autors ist es ja gerade, seine Personen in ausweglose Situationen zu bringen. Ob die Geschichte anschließend in Verbrechen, Korruption, Mord oder Selbstmord mündet, ist eine Frage der Dramaturgie, nicht der Persönlichkeit.

In der Realität zeigt sich etwas ganz anderes: alle im Normalzustand gemachten Äußerungen, ob jemand Suizid begehen könnte oder nicht, erweisen sich im Augenblick der Katastrophe oftmals als belanglos. Oft genug werden Menschen, die sonst immer ängstlich waren, beim Eintreten des Entsetzlichen kühl, mutig und standhaft. Andere, die stark schienen, brechen in der Katastrophe zusammen. Niemand kann dieses Verhalten voraussagen. Das gilt auch für Lao She. Selbstmorde oder Selbstmordgedanken literarischer Figuren besagen da in der Regel nur wenig.

 

3. Selbstmord zu begehen ist schwerer als mancher denkt

Bedacht werden muss außerdem, dass ein Suizid nicht nur Verzweiflung voraussetzt, sondern auch Kraft und Energie. Es kommt fast nie vor, dass Menschen, die schwer gefoltert wurden, unmittelbar danach Selbstmord begehen. In diesem Zustand sind Körper und Geist geschwächt bis zum äußersten. Jede Bewegung ist nur unter Schmerzen möglich, manche Bewegung gar nicht. Schon deshalb ist ein Suizid nach Folterung schwerer als mancher am Schreibtisch denkt.

Und es ist medizinisch äußerst fraglich, ob Lao She am Morgen des 24. August überhaupt fähig war, auch nur aus eigener Kraft das Bett zu verlassen.

 

4. Die Misshandlungen Lao Shes am 23. August 1966

Fest steht, dass Lao She am 23. August von den Roten Garden nicht nur gedemütigt, sondern auch körperlich schwer misshandelt wurde. In der Nacht zum 24. August, als seine Frau ihn von einer Polizeidienststelle abholte, befand er sich in einem schlimmen Zustand: »Am ganzen Kopf Spuren von Schlägen, das Gesicht voll Blut, der ganze Körper grün und blau und kaum eine heile Stelle«. So der Bericht seiner Ehefrau Hu Jieqing von 1979. Auch der Sohn Shu Yi, dessen sonstiger Bericht sich im folgenden als weitgehend unglaubwürdig herausstellen wird, schreibt, dass der Leichnam Lao Shes an Kopf, Hals und Körper mit Platzwunden und Blutergüssen übersät war.

In einem Interview von 1993 berichtet die Witwe, sie habe ihren Mann in einer Polizeidienststelle »mit dem Oberkörper auf einem Tisch liegend« vorgefunden. In einem Interview von 1994 sagt sie, er habe »auf dem Boden gelegen, das Gesicht voller Blut«. Hinzu kommt, dass er gerade erst einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hatte und von daher zusätzlich geschwächt war. Fest steht, dass er unfähig war, aus eigener Kraft nach Hause zu gehen. Also musste seine Frau mitten in der Nacht auf der Straße suchen, bis sie einen Dreiradfahrer fand, der sie und ihren Mann morgens gegen 2 Uhr nach Hause brachte.

Unverständlich ist allerdings, warum sie kein Krankenhaus aufsuchte. Denn die Befürchtung lag und liegt nahe, dass die Misshandlungen der Roten Garden nicht nur blaue Flecken, Schürf- und Platzwunden, sondern möglicherweise auch Knochenbrüche und innere Verletzungen hinterlassen hatten.

 

5. In welchem körperlichen Zustand befand sich Lao She am Morgen des 24. August 1966?

Für die Beurteilung dessen, was am Todestag Lao Shes geschah, ist eine Frage entscheidend: in welchem körperlichen Zustand befand sich der Autor am Morgen des 24. August?

Seltsamerweise fehlt in den Berichten der Witwe jeder Hinweis dazu. Sie teilt lediglich mit, sie habe Lao Shes Verletzungen versorgt, seine Kleidung gewechselt (auch das nur laut Interview von 1993) und ihn gefragt, ob sie zu Hause bleiben solle. Diese emotionslose Darstellung bei Hu Jieqing, die andernorts ihre Gefühle freimütig zum Ausdruck bringt, ist erstaunlich. Denn aus medizinischer Sicht hätte Lao She am Morgen noch schlimmer aussehen müssen als in der Nacht. Aus den Rötungen und Blutergüssen müssen inzwischen grünblaue Flecken geworden sein, die zunehmend dunkler wurden. Die Gesichtshaut muss von den Schlägen auf Stirn und Wangen großflächig geschwollen gewesen sein. Der Anblick von Lao Shes Gesicht an diesem Morgen müsste die Witwe zutiefst erschreckt und sich für immer in ihr Gedächtnis gegraben haben.

Das gilt erst recht für den körperlichen Zustand des Autors. Was geschieht, wenn ein Mensch misshandelt wird? Haut, Muskeln und Bindegewebe reagieren auf jeden heftigen Schlag (erst recht wenn er zu einer Platzwunde führt) sofort mit Blutergüssen, später mit Schwellungen. Diese erreichen erst nach mehreren Stunden ihr Maximum. Jede stärkere Prellung und Schwellung macht Bewegungen der betroffenen Stelle äußerst schmerzhaft. Die Brutalität der zugefügten Misshandlungen lässt darüberhinaus erwarten, dass einige Knochen gebrochen oder angebrochen waren. Ebenfalls zu erwarten ist, dass darunter auch angebrochene Rippen waren. Da Lao She nach übereinstimmenden Angaben am ganzen Körper heftig geschlagen wurde, muss ihm am Morgen jede kleine Bewegung heftigste Schmerzen verursacht haben. Mehr noch: sogar das Atmen muss in diesem Zustand äußerst schmerzhaft gewesen sein. Wenn eine oder mehrere Rippen angebrochen waren, so wäre er nur noch zu einer flachen, kaum feststellbaren Atmung in der Lage gewesen.

Nach allem medizinischen Ermessen ist davon auszugehen, dass Lao She am Morgen des 24. August infolge der schweren Misshandlungen nicht einmal imstande war, aus eigener Kraft das Bett zu verlassen. Erst recht dürfte er außerstande gewesen sein, sich aus eigener Kraft anzuziehen, das Haus zu verlassen, zur Bushaltestelle zu gehen, eine Stunde im Bus zu fahren und dann noch den Weg durch den Taiping-Park zu gehen – zumal er nach Angaben der Witwe weder in der Nacht des 23. noch am Morgen des 24. August etwas gegessen hatte.

Es ist kaum glaubhaft, dass er in diesem Zustand fähig war, »die Kleidung zu wechseln« (wie Hu Jieqing behauptet). Auch mit Hilfe der Ehefrau wären die Schmerzen kaum geringer gewesen. Ein Wechseln der Kleidung wäre nur mit großer Mühe möglich gewesen, unter heftigem Stöhnen, wenn nicht schmerzbedingten Tränen. Kaum anzunehmen, dass Hu Jieqing das Gesicht und die Schmerzen ihres Mannes dabei vergessen hätte.

Was also ist daraus zu schließen, dass Hu Jieqing hierüber in allen Berichten und Interviews nie ein Wort verliert? Dass sie nur von dem Wortwechsel erzählt, in dem ihr Lao She sagt, sie solle auf jeden Fall zur Arbeit gehen?

Nach menschlichem Ermessen nur eines: Hu Jieqing hat Lao She am Morgen des 24. August gar nicht gesehen.

Bekannt ist (und Hu Jieqing schreibt es selber), dass sie und Lao She ein eher distanziertes Verhältnis hatten. Bekannt ist, dass sie in getrennten Räumen schliefen. Wenn Hu Jieqing am Morgen des 24. August tatsächlich noch einmal mit Lao She gesprochen hat, dann vermutlich nur in der Tür seines Schlafzimmers stehend. Auch hier kann sie sein Gesicht kaum gesehen haben, denn dieses geschwollene, grünblau gefärbte, mit Blutkrusten versehene Gesicht hätte sie mit Sicherheit nicht vergessen. Also ging sie entweder zur Arbeit, ohne noch einmal mit Lao She zu reden. Oder sie klopfte an, öffnete die Schlafzimmertür und fragte, ob sie zu Hause bleiben solle. Vielleicht murmelte Lao She etwas in der Art von »Geh lieber zur Arbeit«. Vielleicht hat sie ihm noch gesagt, dass sie in der Küche ein Frühstück für ihn vorbereitet hat. Dann ging sie.

Nun wäre das Eingeständnis, dass sie, die Ehefrau, ihren Mann am Morgen seines Todestages gar nicht gesehen hatte, äußerst peinlich gewesen. Verständlich also, dass Hu Jieqing dies anders darstellt – wobei sie bezeichnenderweise das letzte Gespräch zwischen ihr und Lao She jedesmal anders schildert.

 

6. Niemand sah Lao She am Morgen des 24. August in der Hutong-Gasse, auf der Straße oder an der Bushaltestelle.

Gibt es einen Beleg dafür, dass Lao She am Vormittag des 24. August aus eigener Kraft sein Haus verlassen hat?

So scheint es. Der Sohn Shu Yi schreibt in seinem Bericht von 1985, Lao She hätte sich von der 3-jährigen Enkelin, Shu Yis Tochter, mit den Worten verabschiedet: »Sag dem Großvater auf Wiedersehen«. Gleichzeitig berichtet Shu Yi aber, dass sein Haus bei seiner Ankunft am Nachmittag voller Roter Garden gewesen sei, die auf der Suche nach Lao She das ganze Haus auf den Kopf gestellt hätten. Wenn beides so gewesen wäre, dann wäre der Abschied des Großvaters für das Kind einerseits etwas Alltägliches gewesen. Andererseits hätte das entstellte Gesicht Lao Shes die Enkelin erschrecken müssen. Noch mehr erschreckt aber hätten sie mit Sicherheit die Roten Garden im Haus, die, wenn sie wirklich dagewesen wären, den ganzen Tag lang die Anwesenden in Angst versetzt, das Haus durchsucht, Einrichtung und Bücher durcheinandergeworfen, einen Teil davon zerstört hätten. Es ist unwahrscheinlich, dass sich die Dreijährige angesichts solcher Schrecken noch deutlich an den Abschied des Großvaters erinnert hätte. Eher liegt der Schluss nahe, dass man ihr später suggerierte, der normale Abschied des Großvaters hätte auch an diesem Tag stattgefunden.

Shu Yi schreibt 1985, dass am Morgen des 24. August nur die Enkelin und eine ältere Hausangestellte (baomu) im Haus gewesen seien. Das soll offenbar die Begründung dafür sein, warum keiner den Autor aus dem Haus gehen sah. Nun hätte Lao She aber, wenn er tatsächlich das Haus bald nach seiner Ehefrau verlassen hätte, nicht nur durch den Innenhof des Hutongs gehen müssen, des traditionellen Pekinger Hausgevierts. Das nächste Stück des Weges wäre die kleine Gasse gewesen, die zur Straße führte. Wer die belebten chinesischen Gassen kennt, muss es für ausgeschlossen halten, dass dort – ebenso wie auf der angrenzenden Straße – nicht wenigstens der eine oder andere Anwohner Lao She gesehen hätte. Denn hier in der Nachbarschaft kannte jeder den berühmten Autor. Erst recht wäre er an diesem Tag aufgefallen: erstens aufgrund seines geschwollenen und blutunterlaufenen Gesichtes. Zweitens deshalb, weil er, der auch sonst am Stock ging, nach menschlichem Ermessen (wenn überhaupt) an diesem Tag nur mit großer Mühe und quälend langsam laufen konnte.

Wie hätte er zum Taiping-See gelangen können? Taxis, die man auf der Straße anhalten konnte, gab es nicht. Rikschas gab es im neuen China auch keine mehr. Hu Jieqing berichtet, dass sie am Abend des 25. August von ihrem Haus bis zum See mit Bus und Tram eine Stunde benötigte. Für diese Strecke hätte ein normaler Fußgänger mindestens drei oder vier Stunden gebraucht, und Lao She, wenn er zu Fuß hätte gehen können, das Doppelte. Diese Kraft hätte er selbst in gesundem Zustand kaum aufbringen können. Also wäre nur der Bus in Frage gekommen. Aber schon der Gang zur Haltestelle, die Stunde Busfahrt und dann der Fußweg durch den Taiping-Park wäre nach Abwägung aller medizinischen Aspekte über seine Kräfte gegangen: einen Tag nach schwersten Misshandlungen, bei ohnehin schwächlicher Konstitution und gerade überstandenem Krankenhausaufenthalt – und dann noch, wie seine Witwe berichtet, am Abend und am Morgen ohne jedes Essen

Auch an der Haltestelle und im Bus hätte Lao She auffallen müssen, sei es, weil man ihn kannte, sei es wegen seinem blutigen geschwollenen Gesicht, sei es, weil er nur mit Hilfe von anderen in den Bus hätte einsteigen können. Aber weder die Witwe Hu Jieqing noch der Sohn Shu Yi berichten von solchen Augenzeugen.

Dabei darf man annehmen, dass die Witwe überall in der Nachbarschaft nachfragte, als sie am Abend des 24. und den ganzen folgenden Tag nach ihrem Mann suchte. Offenbar fand sich weder damals noch später irgendein Anwohner, der den Autor auf der Gasse oder auf der Straße gesehen hatte. Auch das legt den Schluss nahe: Lao She hat am 24. August sein Haus nicht aus eigener Kraft verlassen.

 

7. Worin unterscheidet sich ein echter Selbstmord von einem vorgetäuschten?

Noch einmal: Die Schrecken der Kulturrevolution, die schlimmen Demütigungen und Misshandlungen, die Lao She am 23. August durchmachen musste, lassen einen Suizid nicht nur möglich scheinen, sondern sogar naheliegend. Aber was nahe liegt, ist noch lange kein Beweis.

Wie oben gezeigt, machen die medizinischen Erwägungen es unwahrscheinlich, dass Lao She am 24. August aus eigener Kraft auch nur aufstehen konnte, geschweige denn zur Bushaltestelle und durch einen weitläufigen Park laufen. Außerdem ist bekannt, dass es neben echten Selbstmorde auch vorgetäuschte gibt: arrangierte Szenarien, die einen Mord verschleiern sollen.

Was ist der wichtigste Unterschied zwischen einem echten Suizid in einem See und einem vorgetäuschten?

Anders als ein vorgetäuschter hat ein echter Suizid nichts, was man hinterher verbergen müsste.

Konkret: Jemand findet den Toten. Jemand informiert Behörden und Arbeitseinheit. Jemand zieht die Leiche aus dem Wasser. Jemand untersucht die Leiche. Jemand informiert die Angehörigen. Jemand bringt die Leiche zum Krematorium. Jemand erlaubt oder befiehlt, dass die Leiche verbrannt wird. Für alles das gibt es einen Zeitpunkt und eine Reihenfolge. Wenn Behörden wie Polizei und Gerichtsmedizin involviert sind, gibt es selbst in dieser chaotischen Zeit Akten dazu. Es gibt keinen Grund, warum irgendein Teilnehmer dieser Ereigniskette nicht später freimütig berichten sollte, was er getan und gesehen hat, und wann das war.

Das ist – nach dem Fehlen von Zeugen für das Weggehen des Autors – ein weiteres Problem: es gibt diese Berichte nicht.

Und die Schlussfolgerung liegt nahe: Wenn es weder Akten dazu gibt, noch Berichte von beteiligten Amtspersonen – dann hat auch diese Ereigniskette vermutlich so nicht stattgefunden.

 

8. Tausend Zeugen – aber wo sind sie?

Weiter. Der Suizidversion zufolge hätte die Leiche (angeblich von einem Schauspieler entdeckt und zusammen mit Fischern aus dem Wasser gezogen) vom frühen Morgen bis zum späten Abend neben dem Taiping-See gelegen, wo sie dann von der Witwe Hu Jieqing abgeholt wurde. Von 6 bis 22 Uhr: 16 Stunden am Seeufer.

Frage: Was passiert, wenn in einem öffentlichen Park in China eine Leiche liegt?

Antwort: In kürzester Zeit steht um die Leiche herum ein ständig wachsender Kreis von Leuten, die zusehen und diskutieren. Die Nachricht verbreitet sich im Park wie ein Lauffeuer, also kommen immer mehr. Das weiß auch Shu Yi sehr gut. Also schreibt er in seinem Bericht, am Vormittag seien am Fundort der Leiche »Massen von Leuten (ren shan ren hai)« gewesen. Und am Nachmittag?

Zu erwarten ist dasselbe: Massen von Leuten. Wenn die Leute wissen, dass hier ein berühmter Mann Selbstmord begangen hat, werden sie sich auch nach Jahrzehnten noch daran erinnern. Selbst heute brauchte man nur eine Anzeige in eine Pekinger Zeitung zu setzen und sie einladen, sich zu melden. Es müssten Hunderte, wenn nicht Tausende gewesen sein, die im Laufe des 25. August die Leiche eines Mannes neben dem Taiping-See gesehen hätten, der nicht nur der bekannteste chinesische Schriftsteller seiner Zeit war, sondern bis zum Jahr davor auch Präsident des Kulturbundes (wenhua yishu jie lianhehui), außerdem Mitglied des Volkskongresses sowie Mitglied des Ständigen Komitees der »Politischen Konsultativkonferenz des Chinesischen Volkes«. Hunderte oder Tausende von Zeugen, die zusahen, wie die Leiche (angeblich) nacheinander von Mitarbeitern der Parkverwaltung, Kulturbund, Abschnittskomitee, Polizei und Gerichtsmedizin erst untersucht und dann liegengelassen wurde. Von all diesen Leuten würden sich mit einiger Sicherheit auch heute noch 50 oder 100 melden und von dem toten Lao She am Taiping-See erzählen. Wenn es nur ein Dutzend wäre, wäre es auch gut. Sogar eine Handvoll würde schon reichen.

Aber genau das ist das nächste Problem: es gibt diese Zeugen nicht.

So wie es keine Zeugen gibt, die den zerschlagenen Lao She am Morgen des 24. August aus dem Haus kommen und durch die Gasse bis zur Straße haben wanken sehen, so gibt es auch keine Zeugen, die seinen Leichnam am hellichten Tag des 25. August neben dem Taiping-See haben liegen sehen. Es gibt auch weder Berichte noch Namen des damaligen Parkpersonals – auch nicht der sonstigen angeblich beteiligten Dienststellen.

Und die Schlussfolgerung liegt nahe: Wenn es diese Zeugen nicht gibt, auch nicht Namen und Berichte des Parkpersonals oder beteiligter Behörden – dann gab es in Wahrheit auch keine Leiche, die von früh bis spät neben dem Taiping-See lag.

Was wiederum zur nächsten Schlussfolgerung führt: Wenn der Leichnam Lao Shes nicht vom Morgen bis zum Abend des 25. August neben dem See lag – dann gab es auch den Suizid am Taiping-See nicht, den der Autor dort begangen haben soll.

Wir werden auf Einzelheiten dieses wichtigen Aspektes an späterer Stelle noch einmal ausführlich eingehen.

 

9. Der Bericht der Witwe Hu Jieqing

Wie gesagt: von all den Personen, die angeblich beim Auffinden, Bergen, Untersuchen und Bewachen des Leichnams am Taiping-Sees beteiligt gewesen sein sollen, gibt es weder Namen noch Aussagen. Also ist jeder, der sich mit dem Tod des Lao She befasst, auf die Berichte der beiden Personen angewiesen, die den Leichnam gesehen haben oder dies jedenfalls behaupten. Das sind zum einen Lao Shes Witwe Hu Jieqing, zum andern Lao Shes Sohn Shu Yi.

An erster Stelle – zeitlich wie auch hinsichtlich der Glaubwürdigkeit – steht der Bericht der Witwe Hu Jieqing. Er trägt den Titel »Tan Laoshe« (Reden über Lao She) und ist 1979 geschrieben, also 3 Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution und 13 Jahre nach dem Tod des Schriftstellers. Später wurde er mehrfach nachgedruckt, z.B. 2002 in dem Buch »Mingren de qizi yi zhangfu« (The Celebrity's Wife Recalls her Husband).

Oben wurde gezeigt, dass dieser Bericht die Rolle der Witwe am Morgen des 24. August vermutlich fürsorglicher schildert, als es der Fall war. Aber es gibt keinen Grund, an dem zu zweifeln, was sie über das Auffinden des Leichnams schreibt:

»Abends gegen 21 Uhr klingelte das Telefon. Ein Fremder sagte mir, ich solle zum Westufer des Taiping-Sees fahren ... auf einmal war mir, als würden Himmel und Erde zusammenbrechen. An diesem Abend fiel gerade ein feiner Regen. Wie vor den Kopf geschlagen bestieg ich die Tram, stieg dann um in einen Bus. Es war fast 22 Uhr, als ich zum Westufer des Taiping-Sees kam. Das war ein sehr dunkler Ort, außerdem war es Nacht, und ringsumher kein Mensch. Dann sah ich im Licht einer entfernten Weglampe, dass auf dem Boden eine Schilfmatte lag, und darunter bedeckt, da lag er! Ich sprang hin und fasste ihn an, er war schon ganz kalt!

Mit Mühe den Schmerz in meinem ausgeschnittenen Herzen ertragend, suchte ich wieder die Parkverwaltung am Taiping-See auf und bat sie, mich telefonieren zu lassen: das Krematorium Babaoshan sollte einen Wagen schicken, um meinen Mann dorthin zu bringen. Ich musste lange warten, bis der Wagen kam. Sie legten ihn [den Leichnam] in den Sarg und luden diesen auf den Wagen. Schnell bestieg ich den Wagen, zusammen fuhren wir nach Babaoshan.«

Auch dieser Bericht enthält einige Ungereimtheiten. Hat sie die Leute von der Parkverwaltung denn gar nicht gefragt, was passiert war? Hat sie nicht gefragt, wie lange der Tote schon dort lag, und wer ihn dort hingelegt hatte? Warum hat sie nicht die nächste Polizeidienststelle angerufen, die viel näher lag? Woher wusste Hu Jieqing, dass die Leiche zum Ehrenfriedhof Babaoshan gebracht werden sollte? Hätte man es dort gewagt, den Leichnam ohne Einschalten der Polizei abzuholen, wenn nicht schon von oben der Befehl dazu vorgelegen hätte?

Fest steht aber, dass die Witwe Hu Jieqing hier, 1979, in keiner Weise zu erkennen gibt, dass sie von einem Selbstmord ihres Mannes ausgeht. Im Gegenteil: ihr Erstaunen über die sauberen Schuhe zeigt deutliche Zweifel an der Suizidversion.

Nachdem Shu Yi, der Sohn Lao Shes, 1987 ein Buch mit dem Titel »Laoshe zhi si« (Der Tod des Lao She) herausgegeben hatte, erschien 1999 das Buch eines unabhängigen Autors mit demselben Titel. Hier sind neben einem Bericht von Shu Yi (auf den die vorliegende Untersuchung im folgenden ausführlich eingehen wird) auch zwei Interviews mit Hu Jieqing abgedruckt, und zwar aus den Jahren 1993 und 1994. Das Interview von 1993 gibt eine andere Darstellung als der Bericht von 1979. Da heißt es nämlich, der Anruf des Fremden sei noch später gekommen, nämlich gegen 23 Uhr. Hu Jieqing habe den Toten auch nicht selber gefunden, sondern einen alten Teicharbeiter gefragt, ob im Park jemand Selbstmord begangen habe. Der habe sie zu der Stelle geführt und gesagt: »Tagsüber saß hier ein alter Mann und las in Maos Schriften. Abends ist er ins Wasser gegangen – wahrscheinlich am Ufer stehend und mit dem Kopf zuerst.« Dass die Witwe zu diesem Zeitpunkt schon ein wenig verwirrt war, zeigt die Fortsetzung des Interviews. Jetzt sagt sie nämlich, sie habe den Kulturbund angerufen, also die Dienststelle ihres Mannes, und diese hätten »einen Wagen mit vier Trägern und einem durchsichtigen Glassarg« geschickt. Im Bauch der Leiche sei kein Wasser gewesen, aber an der Nase Blut.

Nicht weniger konfus ist die Darstellung im Interview von 1994. Jetzt sagt sie, jemand habe sie am Nachmittag des 25. angerufen und gesagt, am Taiping-See habe sich ein Mensch im See ertränkt, vermutlich Lao She. Als sie dort angekommen sei, habe man ihn schon aus dem Wasser gezogen gehabt. Aus Mund und Nase sei Blut gelaufen. Alle Kleidungsstücke und die Schuhe seien ganz sauber gewesen. Daraus könne man sehen, dass Lao She offensichtlich mit beiden Händen einen Stein gepackt habe, als er mit dem Kopf voran ins Wasser sprang.

Was zeigen diese Interviews? Im Blick auf die Fakten nicht viel. Erstens scheint es, dass die Erinnerung der alten Dame an das Abholen ihres Mannes nach den Misshandlungen des 23. August (Blut aus Mund und Nase) zusammenfließt mit der Erinnerung an das Auffinden der Leiche am 25. August. Zweitens zeigt sich hier der Einfluss einer ganz anderen Version des Geschehens. Es ist die Darstellung von Shu Yi, des (neben drei Schwestern) einzigen Sohnes von Hu Jieqing und Lao She. Der Bericht stammt aus dem Jahr 1985. Ursprünglich trägt er den Titel »Baba de zui hou liang tian« (Vaters letzte zwei Tage). Nachgedruckt ist er u.a. in einem Buch, das Shu Yi 1987 herausgegeben hat. Hier heißt der Bericht »Fuqin de zui hou liang tian« (im Deutschen ebenfalls mit der Bedeutung »Vaters letzte zwei Tage«, nur dass fuqin ein formaleres Wort für »Vater« ist als baba).

Ein Buch mit dem Titel »Der Tod des Lao She« (Laoshe zhi si), herausgegeben von Lao Shes einzigem, 1935 geborenen Sohn – davon durfte man Aufklärung über die Ereignisse erwarten. Doch zeigt schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, dass diese Hoffnung trügt. Shu Yi lässt zwar alle möglichen Leute zu Wort kommen, die Lao She preisen und seinen Selbstmord beklagen. Er präsentiert ein albernes Schauspiel mit dem Titel »Taipinghu« (Taiping-See), in dem der Tod seines Vaters dramatisch dargestellt wird. Aber der einzige (angebliche) Augenzeuge des 25. August, der in diesem Buch auftritt, ist Shu Yi selber. Den Bericht der Mutter von 1979 unterschlägt er. Mit keinem Wort geht er auf die Widersprüche zwischen seiner Version und derjenigen der Mutter ein. Allein das ist in einem Buch mit solch anspruchsvollem Titel im Grunde eine Zumutung.

Weiter im Teil II!

 

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